FOSSGIS2013 - 36 2013_07_29

FOSSGIS 2013
Konferenz für freie und Open Source-Software im GIS-Bereich und für freie Geodaten

Referenten
Manuela Schmidt
Programm
Tag Donnerstag - 2013-06-13
Raum 3.008
Beginn 17:00
Dauer 00:30
Info
ID 610
Veranstaltungstyp Vortrag
Track Vorträge (OSM)
Sprache der Veranstaltung deutsch

Frauen in OpenStreetMap

Oder: Vielfältigere Gruppen für OSM begeistern.

Aus bisherigen Studien zu OpenStreetMap (z.B. Lechner 2011, Stark 2011) geht hervor, dass nur 2-5% der OSM-Beitragenden weiblich sind. Dieser Anteil ist auch im Vergleich zu anderen Open Source- bzw. Open Data-Projekten sehr niedrig - bei Wikipedia wird beispielsweise von einem Anteil von ca. 10% ausgegangen (z.B. Glott et al. 2010). Für die OSM-Community ist dieses Thema durchaus relevant: Würden sich heterogenere Gruppen (inklusive Frauen) von OSM angesprochen fühlen, gäbe es auch ein größeres Potential von Personen, die Daten erfassen und aktuell halten.
In unserer Forschung untersuchen wir daher die Gründe der aktuellen Situation und mit welchen Maßnahmen es gelingen könnte, mehr Frauen für OSM zu begeistern. Dazu haben wir die folgenden Methoden angewandt: Eine Langzeitstudie, bei der 12 neue Mapperinnen zunächst verschiedene OSM-Aktivitäten erlernten und im Anschluss im mehrmonatigen Rhythmus zu ihrem Aktivitätsstatus befragt wurden, Telefon-Interviews mit aktiven Mapperinnen und Mappern, sowie einen Online-Fragebogen für Personen, die OSM kennen, aber nicht (mehr) aktiv beitragen. Die bereits vorliegenden Ergebnisse lassen darauf schließen, dass es für neue Mapperinnen in OSM sowohl eines leichteren technischen Einstiegs, als auch sozialer und projektbezogener Anreize bedarf. Der Vortrag möchte die Forschungsergebnisse im Detail vorstellen, sowie Maßnahmen zur Diskussion stellen, mit denen mehr Personen (insbesondere Frauen) für OSM aktiviert werden können.

Aus bisherigen Studien zu OpenStreetMap (z.B. [1], [2]) geht hervor, dass nur 2–5% der OSM-Beitragenden weiblich sind. Dieser Anteil ist auch im Vergleich zu anderen Open Source- bzw. Open Content-Projekten sehr niedrig – bei Wikipedia wird beispielsweise von einem Anteil von ca. 9–13% ausgegangen [3]. Aber auch bei den teilnehmenden Männern scheint die Vielschichtigkeit der Gesellschaft nicht vertreten zu sein. Haklay und Budhathoki [4] beschreiben den prototypischen Teilnehmer als technologieversiert, gut ausgebildet und zwischen 20 und 40 Jahren. Für die OSM-Community ist dieses Thema durchaus relevant: Würden sich vielfältigere Gruppen von OSM angesprochen fühlen, gäbe es auch ein größeres Potential von Personen, die Daten erfassen und aktuell halten.

Um vielfältigere Gruppen für OSM zu begeistern, ist es wichtig zu verstehen, was diese Gruppen bisher von der Teilnahme abhält und welche Aspekte sie zur Beteiligung motivieren könnten. Fokus unserer Forschung ist die Gruppe der Frauen, die wie oben beschrieben in OSM derzeit stark unterrepräsentiert ist. Dabei wurden die folgenden Methoden angewandt: Eine Langzeitstudie mit neuen Mapperinnen, Telefon-Interviews mit aktiven Community-Mitgliedern, sowie ein Online-Fragebogen für Personen, die OSM kennen, aber nicht (mehr) aktiv beitragen. Im folgenden werden die Ergebnisse der Langzeitstudie, sowie erste Einzelergebnisse des Online-Fragebogens vorgestellt.

Die Langzeitstudie wurde im Frühjahr 2012 an der Technischen Universität Wien durchgeführt. In der qualitativen Studie wurden 11 neue Mapperinnen in ihrem Lernprozess zur aktiven Teilnahme in OpenStreetMap begleitet, um Motivatoren und Barrieren in der Auseinandersetzung mit OSM zu erheben. Die Teilnehmerinnen der Studie wurden gezielt ausgewählt, um dem typisch männlichen OSM-User zu entsprechen (technologieversiert, gut ausgebildet und zwischen 20 und 40 Jahren, siehe [4]). Zunächst wurden den Teilnehmerinnen in drei begleiteten Einheiten unterschiedliche OSM-Aktivitäten näher gebracht: 1) Mapping mit Walking Papers, 2) Mappen und Editieren auf Basis von Luftbildern mit JOSM, 3) Outdoor-Mapping mit GPS (Exkursion in den Wienerwald). Anschließend bekamen die Teilnehmerinnen die Aufgabe, zwei frei gewählte Gebiete selbstständig zu mappen und mit einem Vorher-/Nachher-Screenshot zu dokumentieren. Positive und negative Erfahrungen mit OSM wurden von den Teilnehmerinnen über die Laufzeit der Studie in einem Online-Mapping-Tagebuch festgehalten. Bei der Abschlussveranstaltung des Kurses stellten die Teilnehmerinnen ihre Mapping-Ergebnisse vor und diskutierten ihre Erfahrungen mit OSM, die im folgenden kurz zusammengefasst werden. Detaillierte Ergebnisse mit Originalkommentaren der Teilnehmerinnen finden sich in [5].

Zusammenfassung der berichteten positiven Erfahrungen:

  • Erwerb neuer Fähigkeiten und neuen Wissens durch die Beschäftigung mit OSM
  • Gemeinsames Erkunden der Umgebung bei der Exkursion
  • Offener Zugang zu OSM und freie Nutzbarkeit der Daten
  • Mapping als sinnvoller Beitrag für die Gesellschaft
  • Unmittelbare Sichtbarkeit der eigenen Beiträge auf einer weltweit verfügbaren Karte
  • Soziale Komponente des Mappens, z.B. Exkursion, gemeinsames Problemlösen

Zusammenfassung der berichteten negativen Erfahrungen:

  • keine leicht ersichtliche Starthilfe bzw. Verwirrung durch eine Vielzahl
  • OSM-bezogener Informationsseiten (OSM-Wiki, Foren, Tutorien, etc.)
  • Bedienung der Editoren und Erlernen des Tagging-Schemas zunächst komplex
  • fehlendes visuelles Feedback (z.B. durch Wartezeiten auf das Rendering oder weil bestimmte Daten nicht gerendert werden)
  • Probleme/Fehlermeldungen beim Daten-Upload
  • hohe Zeitintensität

Folgende vier Maßnahmen wurden außerdem von den Teilnehmerinnen erarbeitet, um ihnen ähnliche Personengruppen zur Beteiligung in OSM zu motivieren: (1) Projektbasiertes Mapping: Mapping-Aktionen, die nicht nur der Vervollständigung der Karte, sondern auch zusätzlichen Zielen dienen (z.B. Crisis Mapping). (2) Vereinfachung des Einstiegs z.B. über ein einfach auffindbares, nutzungsfreundliches Tutorium. (3) Soziale Events: gemeinschaftliches Mapping und stärkere Einbindung sozialer Vernetzungsoptionen. (4) Verbesserung des visuellen und technischen Feedbacks: Konstruktive Fehlermeldungen und Lob/Belohnungen für erfolgreichen Datenupload.

In einem Online-Fragebogen wurden die in der Langzeitstudie erhobenen Motivatoren und Maßnahmen als Basis verwendet, um mehr darüber zu erfahren, wie Personen, die OSM zwar kennen, aber derzeit nicht aktiv sind, für OSM (re)aktiviert werden können. Die Umfrage wurde im Februar 2013 durchgeführt und hauptsächlich über Mailinglisten im Geobereich verbreitet. Insgesamt haben 516 Personen teilgenommen; davon fielen 242 in die Kategorie der Personen, die OSM kennen, aber derzeit nicht aktiv beitragen. Im folgenden findet sich eine Übersicht der häufigst gewählten Barrieren und Motivatoren.

Gründe für die Inaktivität bei OSM:

  • Beitragen ist zu zeitaufwändig (62%)
  • OSM scheint in meiner Region vollständig zu sein (50%)
  • Ich habe vergessen teilzunehmen (43%)

Aspekte, die zur (Wieder)Beteiligung bei OSM führen könnten:

  • Mapping für einen konkreten Zweck (z.B. Crisis Mapping) (48%)
  • Weniger zeitaufwändige Mapping-Lösungen (z.B. Smartphone-App) (44%)
  • Tutorial für OSM-Neulinge (39%)

Insbesondere die Motivatoren zur (Wieder)Beteiligung unterscheiden sich jedoch nach OSM-Erfahrung der Personen. Umfrage-Teilnehmende, die sich als derzeit aktiv in der OSM-Community eingestuft haben, wurden zu ihrem Mapping-Werdegang, sowie zu ihrer Einschätzung der Gender-Thematik in OSM befragt. Auswertung und Analyse des Online-Fragebogens sind noch nicht vollständig abgeschlossen. Die Umfrageergebnisse werden voraussichtlich im Sommer 2013 auf der Projektwebsite verfügbar sein.

Diskussion. Die hier vorgestellten Ergebnisse der Langzeitstudie und des Online-Fragebogens lassen sich wahrscheinlich auch auf weitere, bislang nicht erreichte Gesellschaftsgruppen anwenden – die genannten Motivatoren und Maßnahmen müssen aber nicht notwendigerweise den Bedürfnissen anderer Zielgruppen entsprechen. Es bedarf daher einer Zielgruppen-orientierten Vorgehensweise und maßgeschneiderter Maßnahmen, um vielfältige Gruppen für die Teilnahme in OSM zu begeistern. In einem Projekt, das so stark Community-getrieben ist wie OSM, können derartige Änderungen jedoch nur aus der Community selbst entstehen. Die Ergebnisse der vorgestellten Studien können hierbei als Diskussionsgrundlage dienen.

Details und Updates zum Projekt unter http://cartography.tuwien.ac.at/fem2map